Zwischen Kultur, Religion und Verantwortung
Bischof Delville würdigt historische Bedeutung Karls des Großen und
ruft zu Engagement für Gemeinschaft auf

Dichte Weihrauchschwaden, Kerzenschein, brausende Orgelklänge, mittelalterliche Litaneien sowie Kunstschätze und konzertante Momente – das Pontifikalamt zum Karlsfest lieferte auch in diesem Jahr wieder alle Zutaten, die die zahlreichen Mitfeiernden gewohnt sind und erwarten. Einmal im Jahr wird in diesem Rahmen alles aufgefahren, was die katholische Kirche an Traditionen zu bieten hat. Fester Bestandteil des feierlichen Hochamts ist stets die Predigt eines Gastbischofs. In diesem Jahr fiel diese Aufgabe dem Bischof von Lüttich, Prof. Dr. Jean-Pierre Delville, zu.
Aachens Bischofs Dr. Helmut Dieser begrüßte den Gast und erinnerte an die wechselvolle Geschichte beider Bistümer, die historisch eng verbunden waren: lange habe Aachen zum Bistum Lüttich gehört; später, im Zuge der napoleonischen Neuordnung, Lüttich für einige Jahre zum damals neu gegründeten Bistum Aachen. Heute sei das Verhältnis der beiden Diözesen besser denn je.
Gemeinwohl und Verständigung der Völker im Blick behalten
In seiner Ansprache wies Delville auf die historische Bedeutung Karls des Großen hin, dessen Todestag sich am 28. Januar zum 1212. Mal jährt. Er erklärte, dass der Kaiser vor allem durch die Förderung von Kultur, Bildung und Religion sowie durch die Vereinheitlichung von Liturgie, Bibeltexten und Sprache zur Einheit seiner Völker beitrug. Delville erinnerte daran, dass Karls Maßnahmen dazu dienten, unterschiedliche Regionen und Völker zusammenzuführen, und dass Zusammenarbeit über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg Teil seines Wirkens war.
Er regte an, zu überlegen, ob heutige politische Führer ähnlich das Gemeinwohl und die Verständigung zwischen Völkern im Blick hätten, und betonte, dass politische Verantwortung stets Respekt und Dialogbereitschaft erfordere – eine Haltung, die auch Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2026 hervorhob. Abschließend rief der Bischof dazu auf, dass der Einsatz für Weisheit, Einsicht und das Gemeinwohl im Alltag beginnen sollte und dass jeder Einzelne zur positiven Gestaltung der Gemeinschaft beitragen könne.
Zur Person
Jean-Pierre Delville, 1951 in Lüttich geboren, verbindet als Historiker, Theologe und Organist Wissenschaft, Musik und Glauben. Vor seinem Eintritt ins Priesterseminar erwarb er an der Universität Lüttich eine Lizenz in Geschichte und ein Orgeldiplom am Konservatorium. Nach Studien in Philosophie und Theologie in Löwen und Rom promovierte er 1996 in Bibelwissenschaften. 1980 wurde er zum Priester geweiht, 2013 zum Bischof von Lüttich ernannt. Neben seinem bischöflichen Amt ist er Professor und Ordinarius für Geschichte des Christentums an der Katholischen Universität Löwen (UCLouvain), geistlicher Assistent der Gemeinschaft Sant’Egidio und seit 2010 Schriftleiter der renommierten Fachzeitschrift „Revue d’histoire ecclésiastique“.


















