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Aus Marmor entstanden – und doch nicht echt!

Ein Triptychon der niederländischen Künstlerin Lilian Kreutzberger führt vor Augen, wie fragil unsere Wahrnehmung von Materialität im digitalen Zeitalter geworden ist

Der Aachener Dom gilt weltweit als das am besten erhaltene Kirchengebäude aus karolingischer Zeit. Die Mischung aus karolingischer Architektur, gotischen Elementen und kunstvollen Mosaiken kann Menschen auf verschiedene Weise inspirieren – kulturell, spirituell oder kreativ. Auch Lilian Kreutzberger, eine niederländische Künstlerin, ist von Aachens Wahrzeichen nachhaltig fasziniert. „Jedes Jahr im Advent kommt unsere Familie in einem Ferienhaus in Limburg zusammen, um den Weihnachtsmarkt in Aachen zu besuchen. Wir lieben diese gemütliche Atmosphäre, in den Niederlanden gibt es nichts Vergleichbares!“

Ein Besuch im Dom gehört stets dazu. Doch während die meisten Besucherinnen und Besucher die Mosaike, die Schreine oder den goldenen Altar bestaunen, fasziniert Lilian Kreutzberger der Marmor an den Wänden. „Seine Materialität und Ästhetik sind außergewöhnlich“, sagt sie. Die hohen Platten wirkten beschützend und beruhigend; ihre Spiegelungen ließen das Auge unwillkürlich Figuren erkennen. Diese auch von Kreutzberger gemachte (Sinnes-)Erfahrung wurde zum Ausgangspunkt eines neuen Kunstwerks: eines Triptychons in der Marmoroptik des Aachener Doms. Die imposanten Tafeln, jeweils zweieinhalb Meter hoch und einen Meter breit, verbinden Form, Bild und Funktion zu einem monumentalen Ensemble.

Verlust einer materiellen Welt

Zu sehen ist das Werk bis 1. März 2026 im Kröller Müller Museum – einem der bedeutendsten Häuser der Niederlande mit der zweitgrößten Van-Gogh-Sammlung der Welt und einem der größten Skulpturengärten Europas. Die Ausstellung trägt den Titel RAUHFASER – ein Wortspiel, das im Niederländischen („rouwfase“) auch „Trauerphase“ bedeuten kann. Kreutzberger thematisiert darin den zunehmenden Verlust einer materiellen Welt und entwirft Szenarien, in denen der Alltag nahezu vollständig digital überformt ist. Gebäude und Gegenstände tragen eine „elektronische Haut“ in Form von Bildschirmen, die ständig neue Bilder produzieren. Besucherinnen und Besucher tauchen ein in eine zugleich irritierende und dennoch vertraute Sinneserfahrung. „Aus dieser Perspektive kann Material neue Eigenschaften annehmen“, erklärt die Künstlerin ihren Ansatz.

Auch beim Marmor-Triptychon kam Technik zum Einsatz, um dem echten Material so nahe wie möglich zu kommen. Da keine geeigneten Bildaufnahmen der originalen Marmorplatten zur Verfügung standen, fotografierte Kreutzberger sie selbst – rund zehn Bilder pro Quadratmeter. Am Computer setzte sie sie zu einem hochauflösenden Einzelbild zusammen und übermalte sie digital. Anschließend übertrug sie das Bild auf eigens angefertigte Gipsplatten. Der scheinbare Marmor ist also tatsächlich nur eine gedruckte „Haut“ und spielt bewusst mit der Wahrnehmung des Publikums. Wer das erleben möchte, muss eine etwas längere Anfahrt in Kauf nehmen: Zwischen dem Aachener Dom und dem Kröller Müller Museum liegen knapp 200 Kilometer.

Wer ist Lilian Kreutzberger?


Lilian Kreutzberger, Jahrgang 1984, erwarb ihren Master of Fine Arts (MFA) an der Parsons „The New School“ in New York und absolvierte die Königliche Akademie der Bildenden Künste in Den Haag. Im Jahr 2016 nahm sie am Postgraduiertenprogramm der Jan van Eyck Academie in Maastricht teil. Zuvor stellte sie ihre Arbeiten in Einzelausstellungen in New York, Amsterdam, Den Haag oder auf der Weltausstellung 2010 in Shanghai aus. Kreutzberger erhielt Unterstützung vom Mondriaan Fund, ein Fulbright-Stipendium und den Buning Brongers-Preis für Malerei.